Digitals Buch des DRK Borken

Neuanfang in Deutschland, eine Mutter kämpft für ihre Familie

Meine Geschichte über Auswanderung und Hoffung

Wir sind eine palästinensische Familie, geboren und aufgewachsen im Libanon! Ich möchte erklären, was es bedeutet, im Libanon »staatenlos« (palästinensisch) zu sein. Das bedeutet: Man darf nur in bestimmten Vierteln leben. Viele Berufe sind verboten – zum Beispiel darf man nicht als Anwältin oder Anwalt arbeiten.
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Die United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East (UNRWA) richtet 1948 Wohngebiete für geflüchtete Palästinenserinnen und Palästinenser ein. Es gibt zwölf offizielle Lager, die über das ganze Land verteilt sind. Von Nahr el-Bared im Norden bis Rashidieh im Süden. Aufgrund hoher Mieten, fehlender Staatsbürgerschaften und eingeschränkter Arbeitsrechte, ist für viele ein Leben außerhalb der Lager kaum möglich. Im Februar 2025 zählte UNRWA 248.000 registrierte Flüchtlinge, von denen 45% in den 12 Lagern lebten.

Quelle: UNRWA 2025

Stell dir vor, du hast dein ganzes Leben lang kein Heimatland. Du bist ein Gast – vom Tag deiner Geburt bis zu deinem Tod. Theoretisch haben wir ein Heimatland, aber wir können dorthin nicht zurückkehren.
Wir sprechen die Sprache, wir leben seit Generationen im Libanon, doch unsere Staatsangehörigkeit bleibt: staatenlos. Wie ungerecht ist das? Wir gehören nirgendwo wirklich dazu.
Unser Leben war zwar nicht einfach, aber wir haben es irgendwie geschafft – bis zur Geburt unseres Sohnes mit einer Behinderung. Dann begann der eigentlich Kampf. Wenn du in dieser Situation ein Kind mit einer Behinderung bekommst, dann wird alles noch schwerer. Das Kind darf nicht auf private Schulen gehen – selbst wenn wir die Schulgebühren bezahlen wollen.
Mein Sohn war oft krank, musste viele Male ins Krankenhaus, und die Ärzte konnten lange nicht herausfinden, was ihm fehlte. Er hatte eine Entwicklungsverzögerung, und die Vergleiche mit anderen Kindern taten sehr weh. Auch eine geeignete Schule für ihn zu finden, war unmöglich.
All das brachte uns zu einer schweren Entscheidung: Wir mussten unsere Familie, unsere Freunde und alles Vertraute zurücklassen, um nach Deutschland zu fliehen – nur für die Zukunft unserer Kinder. Es war kein leichter Entschluss, aber wir wussten, dass wir ihn aus Liebe getroffen haben.
Die Reise war lang und hart. Einen ganzen Monat waren wir unterwegs – über Land, über Meer, zu Fuß durch Wälder. Mit zwei kleinen Kindern war es eine Qual voller Angst und Erschöpfung. Abe rwir hatten ein Ziel: Sicherheit und Hoffnung.
Als wir in Deutschland ankamen, fühlten wir Erleichterung und Angst zugleich. Wir hatten das Schlimmste überstanden, aber ein neues, unbekanntes Leben wartete auf uns – mit einer neuen Sprache, neuen Menschen und einer völlig anderen Kultur. Doch wir sagten uns: »Wir vertrauen auf Gott. Er wird uns den Weg erleichtern.«
Die ersten acht Monate verbrachten wir in einer Unterkunft für Geflüchtete. Das Leben dort war schwer, aber wir hielten durch. Danach zogen wir in eine andere Stadt. Anfangs fühlte sich alles fremd an, doch die Menschen dort waren freundlich, halfen uns viel und gaben uns das Gefühl, nicht allein zu sein.
Von Anfang an hatte ich den festen Willen, in Deutschland etwas aus mir zu machen. Doch kurz darauf wurde ich wieder schwanger. Nach der Geburt meiner Tochter nahm ich mir vor, Deutsch zu lernen.
Damals hatte ich drei Kinder, eines davon mit besonderen Bedürfnissen. Die Verantwortung war riesig, aber ich wollte unbedingt lernen und mich integrieren. Da unser Asylantrag noch nicht anerkannt war, durfte ich keinen kostenlosen Deutschkurs besuchen. Ich musste ihn selbst bezahlen – aber das tat ich. Ich wollte keine Zeit verlieren.
Es war nicht leicht: ein krankes Kind, viele Arzttermine, wenig Schlaf. Aber ich bleib stark. Ich lernte mit voller Energie, und nach einiger Zeit bestand ich die Sprachprüfung mit guten Ergebnissen.
Später erhielt mein Sohn endlich eine Diagnose – eine seltene, unheilbare Krankheit, die Herz, Nieren und Knochen beeinträchtigen kann. Das war ein Schock. Ich fiel in ein tiefes Loch, aber ich gab nicht auf. Ich sagte mir: »Ich muss stark bleiben, für ihn. Ich muss verstehen, was die Ärzte sagen, und ihm helfen können.«
Ich beendete meinen Deutschkurs erfolgreich und machte weiter. Gleichzeitig engagierte ich mich ehrenamtlich. Nach sechs Jahren in Deutschland kam endlich die gute Nachricht: Wir bekamen unsere Aufenthaltserlaubnis. Ich fühtle mich, als hätte sich der Himmel geöffnet. Sofort schreib ich mich für eine Ausbildung ein.
Es war sehr anstrengend – drei Kinder, eine Sprache, die nicht meine Muttersprache war – aber ich lernte nachts, wenn die Kinder schliefen. Es gab viele Momente, in denen ich fast aufgeben wollte, besonders wenn mein Sohn krank war und ich Unterreicht verpasste. Doch meine Lehrerinnen waren unglaublich verständnisvoll und unterstützten mich immer.
Am Ende bestand ich die Ausbildung mit einer guten Note. Als ich mein Zertifikat entgegennahm, sagten meine Lehrerinnen: »Wir ziehen den Hut vor dir. Du hast etwas Großes geschafft.«
In diesem Moment wusste ich: All die Mühe war nicht umsonst. Kurz danach bekam ich eine Arbeitsstelle in einer Kindertagesstätte. Ich wurde herzlich aufgenommen, und heute liebe ich meine Arbeit und die Menschen um mich herum.
Mein Leben hat sich sehr verändert. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich eine Reise voller Schmerz, Hoffnung und Stärke. Deutschland hat mir und meinen Kindern viele Chancen gegeben – besonders meinem Sohn, der hier endlich die Unterstützung bekommt, die er braucht.
Die Fremde ist nicht einfach, ja. Aber sie kann ein neuer Anfang sein, wenn man glaubt, dass es sich lohnt zu kämpfen.

Meine Botschaft an alle, die neu in Deutschland sind

An alle, die gerade neu in Deutschland anfange: Der Anfang ist schwer – die Sprache, die Bürokratie, das Alleinsein. Aber gebt niemals auf. Fragt, sucht, lernt, probiert, und gebt euch selbst Zeit. Geht euren Weg Schritt für Schritt, mit Geduld und Vertrauen. Seid neugierig, stellt Fragen, und habt keine Angst, um Hilfe zu bitten. In diesem Land gibt es viele gute Menschen und viele Möglichkeiten, aber sie öffnen sich nur, wenn ihr dranbleibt und nicht aufgebt. Egal, wie schwierig es manchmal ist: Ihr könnt alles schaffen, wenn ihr wirklich daran glaubt.

Danke für deine Aufmerksamkeit!

Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass das Rote Kreuz nicht für die Inhalte der Geschichten verantwortlich ist. Seine Rolle beschränkt sich auf die mediale Aufarbeitung und Präsentation und spiegelt insbesondere nicht die Meinung des Roten Kreuzes wider. Persönliche Erfahrungen sind vielschichtig, individuell und subjektiv geprägt.