So, liebes Deutschland, ich möchte Dir etwas sagen, hast Du Zeit? Sollen wir einen Termin dafür vereinbaren? Ah ok! Ja, gerne. Ich habe heute an die schrecklichen Erfahrungen, die ich gemacht habe, gedacht. Weißt Du, Deutschland, nach jeder Erfahrung frage ich mich, wann wirst Du mich als »Deutsche« wahrnehmen? Und Du möchtest mich sehr wahrscheinlich fragen, ob ich mich als »Deutsche« fühle? Ja, das tue ich.
Aber manchmal, wenn ich mich immer wieder beweisen muss, dass ich trotz meiner Religion (dem Islam) keine schlechte Person bin, fällt es mir schwer, mich als Deutsche zu fühlen.
Wenn ich ständig meine Religion verteidigen muss, weil ich nicht als »terroristisch« wahrgenommen werden möchte, ist es schwieriger mich als »Deutsche« zu fühlen.
Wenn ich aufgrund meines Nachnamens keine neue Wohnung bekommen habe, weil der Vermieter keine »Ausländer« als Mieter haben wollen, erschwert es mir, mich als Teil der deutschen Gesellschaft zu sehen.
Wenn mir gesagt wird, dass ich nicht »Deutsch« sei, weil ich nicht wie eine »Deutsche« aussehe und nie aussehen werde, dann fühle ich mich einfach nicht als Teil dieses Land, liebes Deutschland.
Du redest oft über Integration. Doch wann werden wir uns wirklich integrieren? Wann werden wir Deutsch reden? Wann werden wir pünktlich sein?
So Deutschland, die Frage ist, wann werden wir Deutsch?
Hast Du jemals darüber nachgedacht, wer sich eigentlich integrieren soll? Hier ist the ugly truth habibti: Wir werden immer Ausländer bleiben. Ja, du hast richtig gehört – egal, was wir tun, wir bleiben in deinen Augen immer Ausländer.
Du fragst ständig: Wann lernt ihr endlich Deutsch? Wann benehmt ihr euch wie Deutsche? Wann haltet ihr euch an die Regel? Wann passt ihr euch dem System an? Aber, Deutschland, wann nimmst du dir die Zeit, Dein eigenes System aufzuklären? Wann öffnest Du die Arme und heißt uns wirklich willkommen? Wann dürfen wir uns hier zu Haus fühlen?
Die Wahrheit ist, wir haben oft Angst vor Dir. Wir brauchen oft Deutsche, um uns ernstgenommen zu werden. Ohne ihre Bestätigung bleibt unsere Stimme leise. Wir brauchen immer jemanden, der »Deutsch« ist, damit andere uns glauben, damit wir Beachtung finden. Traurig, oder? Ja, das finde ich auch. Wir brauchen Deutsche, also »echte Deutsche«, wenn wir Wohnungen suchen. Wir brauchen echte Deutsche, wenn wir Kinder im Kindergarten anmelden wollen. Auch wenn wir Kontakt mit deinen Behörden nehmen wollen. Oh, das ist das Schlimmste.
Vielleicht ist es an der Zeit, dass Du nicht nur von Integration sprichst, sondern uns wirklich als Teil von Dir akzeptierst. Und die Integration kommt danach? Was meinst Du?
Liebes Deutschland, könntest Du bitte manchmal nett zu mir sein? Ich verlange nicht, dass Du mit mir Arabisch sprichst oder ein Kopftuch trägst. Einfach nur freundlich sein, vielleicht ab und zu ein Lächeln schenken, und bitte nicht immer alles so kompliziert machen? Geht das? Ich versteh nämlich wirklich nicht, warum alles so übermäßig kompliziert sein muss!
Weißt Du, es gibt etwas, das Integration heißt, ja. Die Integration hat Namen und Gesichter … die Integration heißt auch Iris, Evi, Julia, Mareike, Micky, Richard … wie heißt die Integration noch?
Sie hat viele Namen und Gesichter. Das ist die gute Nachricht – und es ist sehr hilfreich für uns alle. Du vergisst das oft.
Liebes Deutschland, es gibt auch die dunkle Seite in der Gesellschaft: die heißt Rassismus und das ist definitiv kein Gesicht der Integration. Wenn Rassismus auf den Weg der Integration auftaucht, ist ein Alarmzeichen, dass wir – also liebes Deutschland, wir bedeutet Du und ich – etwas falsch gemacht oder verstanden haben.
Danke für deine Aufmerksamkeit!
Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass das Rote Kreuz nicht für die Inhalte der Geschichten verantwortlich ist. Seine Rolle beschränkt sich auf die mediale Aufarbeitung und Präsentation und spiegelt insbesondere nicht die Meinung des Roten Kreuzes wider. Persönliche Erfahrungen sind vielschichtig, individuell und subjektiv geprägt.