Der Krieg in Syrien begann 2011 mit der gewaltsamen Reaktion des Regimes auf Proteste, die politische Reformen forderten. Daraus entwickelte sich ein komplexer bewaffneter Konflikt mit zahlreichen staatlichen, oppositionellen und internationalen Akteuren, sowie geopolitischen Interessen.
Meine Reise vom Krieg zum Frieden : vom Ankommen zum deutschen Pass
Mein Name ist Reem Alattar, ich bin 30 Jahre alt und eine syrische Geflüchtete, die heute in Deutschland lebt. Ich schreibe diese Worte mit einem Herzen voller Gefühle, denn jeder Buchstabe davon trägt eine lange Geschichte von Angst, Schmerz, Geduld und Entschlossenheit.
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Seit 2011 sind Millionen Menschen aus Syrien geflohen, vor allem über Landrouten in Nachbarländer wie Türkei, Libanon und Jordanien. Ab 2014 nutzten viele die östliche Mittelmeerroute von der Türkei nach Griechenland und weiter über den Balkan nach Europa. Weitere Wege führten über das Mittelmeer von Nordafrika nach Italien.
Wir träumten nur davon, in Frieden zu leben, weit weg von Bombenlärm und Zerstörungsbildern. Die Flucht war schwierig und gefährlich. Der Weg war lang, voller Ängste und Ungewissheit. Aber in meinem Herzen war eine Stimme, die mich die ganze Zeit begleitete:
»Ein neues Leben wartet auf dich. Gib nicht auf.«
Wir kamen in Deutschland an und begannen bei Null. Zuerst wohnten wir in Flüchtlingsunterkünften, gemeinsam mit Familien aus vielen Ländern, Religionen und Kulturen. Das Leben in Gemeinschaft war nicht einfach, weder in Bezug auf Privatsphäre noch auf gegenseitiges Verständnis.
Aber ich sah es als eine einzigartige menschliche Erfahrung, durch die ich Menschen aus der ganzen Welt kennenlernen konnte, von ihnen lernte und die Vielfalt dieser Welt besser verstand.
Als älteste Schwester spürte ich eine doppelte Verantwortung. Meine Geschwister waren Jugendliche, die den Schock des Wechsels von einer konservativen, einfachen Gesellschaft in eine offene, fremde Welt mit anderer Sprache und völlig anderem Lebensstil durchlebten. Und das ohne unseren Vater. Ich musste für sie Schwester, Freundin und Ratgeberin sein, während ich selbst mit den Herausforderungen von Fremdheit und innerer Verlorenheit kämpfte.
Die Herausforderung war noch größer, da eine meiner Schwestern eine Behinderung hat. Meine Mutter und ich kümmern uns seit ihrer Kindheit um sie, und das tun wir bis heute. Diese Verantwortung gab unserer Flüchtlingserfahrung eine neue Dimension. Wir mussten ihre gesundheitlichen und psychischen Bedürfnisse in einer neuen Umgebung, mit einem anderen System und schweren Bedingungen bewältigen.
Als Familie gerieten wir oft aneinander, was normal ist, aber wir waren psychisch nicht auf all diese Veränderungen vorbereitet. Deshalb sage ich von Herzen: Jede Familie, die an Flucht denkt, sollte sich auch auf die seelischen und familiären Konflikte vorbereiten, denn das neue Leben ist nicht so einfach, wie viele glauben.
In Deutschland fing ich bei Null an. Zuerst bekam ich eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre, dann wurde sie verlängert. Nach etwa sechs Jahren erhielt ich schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Es war kein einfacher Weg, sondern ein Weg voller Arbeit und Mühen. Aber jeder Schritt war eine Lektion, jede Herausforderung formte meinen heutigen Charakter.
Ich arbeitete fünf Jahre lang in einem respektablen Unternehmen und bemühte mich, bis ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekam. Ich war sehr stolz auf mich. Diese Arbeit war nicht nur ein Mittel zum Lebensunterhalt, sondern der Beginn meiner echten Unabhängigkeit. Ich habe viel gelernt: über das System, über Disziplin, über Selbstvertrauen. In dieser Zeit machte ich meinen Führerschein und kaufte mein eigenes Auto. Für mich als Geflüchtete hatte das eine große Bedeutung. Ich fühlte mich frei und konnte mich in meinem neuen Land wie jede andere Bürgerin bewegen.
Trotz allem habe ich meinen akademischen Traum nicht aufgegeben. Ich liebte schon immer die Naturwissenschaften und entschied mich deshalb, Chemieingenieurwesen an der FH Münster zu studieren. Das Studium ist schwer, besonders auf Deutsch und neben der Arbeit, aber es erfüllt einen Traum und gibt mir ein echtes Gefühl von Erfolg. Ich arbeite und studiere gleichzeitig, das ist eine große Herausforderung, aber es ist ein Weg, den ich bewusst gewählt habe.
Die deutsche Sprache zu lernen, war eine der größten Herausforderungen meines Lebens. Am Anfang verstand ich kein Wort. Ich fühlte mich hilflos, völlig fremd. Aber ich beschloss, die Sprache zu beherrschen, denn sie ist der Schlüssel zu allem. Ich begann mit Integrationskursen, dann nahm ich an weiteren Kursen teil. Aber das Wichtigste war, dass ich die Sprache im Alltag anwendete. Im Supermarkt, mit Nachbarn, in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich schämte mich nicht, Fehler zu machen, im Gegenteil: ich nutzte sie als Lernchance. Ich hörte Nachrichten, Podcasts, sogar Musik. Schritt für Schritt wurde Deutsch ein Teil von mir, und ich spreche es heute selbstbewusst im Studium und im Alltag.
Aber am Anfang habe ich einen großen Fehler gemacht: Ich vertraute jedem, der Arabisch sprach oder einen ähnlichen Hintergrund hatte wie ich. Ich dachte, dass allein die gemeinsame Herkunft bedeutet, dass jemand gut ist. Dieses blinde Vertrauen hat mir viele Probleme bereitet. Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass Vertrauen auf Taten und Verhalten basieren muss, nicht auf Sprache oder Herkunft.
Deshalb rate ich allen Neuankömmlingen: seid vorsichtig. Wählt die Menschen um euch herum mit Bedacht. Nicht jeder, der euch ähnlich ist, verdient euer Vertrauen. In manchen Phasen fühlte ich mich kurz vor dem Zusammenbruch. Der psychische Druck war enorm. Aber ich beschloss nicht alles allein zu tragen.
Ich wandte mich an deutsche Institutionen für psychologische Hilfe und soziale Unterstützung, und das hatte einen großen Einfluss auf mein Leben. Ich lernte, zu sprechen, um Hilfe zu bitten, mir Schwächen zu erlauben, ohne mich zu schämen. Deshalb sage ich allen: Wenn du das Gefühl hast, nicht mehr weitermachen zu können, schweige nicht. In Deutschland gibt es Stellen, die zuhören, verstehen und helfen, ohne zu urteilen.
Heute, nach fast zehn Jahren, kann ich sagen, dass ich stolz auf jeden Schritt bin, den ich gegangen bin. Ich war nicht nur eine Geflüchtete. Ich war eine junge Frau, die ihr Land verlassen hat, die Verantwortung für ihre Familie übernahm, eine neue Sprache lernte, ihr Leben selbst aufbaute, schwere Kämpfe alleine durchstand und dennoch weitermachte. Ich arbeite, ich studiere, ich lebe und ich plane eine Zukunft, die nichts mit der Vergangenheit zu tun hat. Ich vergesse nicht, woher ich komme, auch nicht, was ich verloren habe, aber ich glaube daran, dass ich immer noch etwas Schönes aufbauen kann.
Meine Botschaft an alle, die neu anfangen: Gibt nicht auf. Der Weg ist schwer, aber er lohnt sich. Lerne, arbeite, frage, sprich und sei stark. Hab keine Angst vor Fehlern und nicht vor deiner eigenen Schwäche. Der Weg zur Sicherheit und zum Frieden beginnt mit einem Schritt. Ich bin ihn gegangen: Und du kannst das auch.
Reem Alattar
Danke für deine Aufmerksamkeit!
Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass das Rote Kreuz nicht für die Inhalte der Geschichten verantwortlich ist. Seine Rolle beschränkt sich auf die mediale Aufarbeitung und Präsentation und spiegelt insbesondere nicht die Meinung des Roten Kreuzes wider. Persönliche Erfahrungen sind vielschichtig, individuell und subjektiv geprägt.